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February 15, 2005

Grundig: RIP

Daß angeblich die meisten Menschen ihren Videorekorder nicht programmieren können, hielt ich bislang für ein langweiliges weil einfallsloses Klischee. Bis ich neulich das zweifelhafte Vergnügen hatte, einen Rekorder der Marke Grundig programmieren zu müssen. Mit einem Schlag fühlte ich mich als DAU, schwankte ich mit hoher Frequenz zwischen Panik und Verzweiflung und begann diesen Mythos als Tatsache anzuerkennen.

Eigentlich wollte ich nur eben einen Film aufnehmen. Also Kassette rein, Fernseher an, Videorekorder an und die Taste, die das OSD auf den Schirm zaubert fand sich auch einigermaßen schnell auf der Fernbedienung.

Aber dann ging es schon los. Die Fernbedienung bietet einerseits einen Block von Bedienelementen für die typischen Rekorderfunktionen, also Spulen, Abspielen, Stop, usw. Andereseits hat sie den Grundig-typischen Block von rauf-, runter-, rechts-, links-Tasten mit einer OK Taste in der Mitte. Zur Navigation im OSD wird letzterer benötigt. Leider erwischte ich aber immer ersteren, weil er besser erreichbar auf der Fernbedienung sitzt, die Tasten größer sind und dieser Block ganz allgmein einen höheren Aufforderungscharakter hat.

Ich konzentriere mich nun also, den richtigen Tastenblock herzunehmen und schiebe den Cursor rauf und runter um einen Speicherplatz auszuwählen, quittiere mit “OK” und kann jetzt die benötigten Daten eingeben. Naja. Was heißt eingeben? Durch das Drücken auf die rauf/runter Tasten kann ich die angezeigten Zahlen größer und kleiner machen. Angezeigt werden zunächst immer die aktuellen Daten. Also das momentan eingestellte Programm und das aktuelle Datum. Bis auf die Endzeit des Timers, hier wird nicht die aktuelle Zeit vorgegeben, sondern die Startzeit. Was bei einer typischen Spielfilmlänge von 90 Minuten natürlich eine brilliante Idee ist, denn dann kann ich um die Minuten richtig einzustellen, erst einmal dreißig Minuten rauf oder runter blättern.

Der letzte einzustellende Wert entscheidet über den Aufnahmemodus: Shortplay oder Longplay. Zumindest habe ich die beiden Abkürzungen SP und LP so gedeutet. Denn obwohl das OSD eine Legende bietet, wird man in der Hinsicht nicht schlauer. Irgendwer hat sich nämlich nicht geschämt in der Legende folgenden Text zu verewigen:

SP: SP LP:LP

Arg! Aber bitte. Ich kenn mich ja aus. So. Die ganze Sache noch quittieren und den Videorekorder schön ausgemacht. Da stelle ich fest, daß ich die Startzeit falsch gesetzt habe. Zurück im OSD muss ich aber leider feststellen, daß man fertig programmierte Timer nicht wieder ändern kann. Ich muß also noch einmal von vorne anfangen. Nachdem ich erstmal wieder auf Play gedrückt habe, lasse ich aber auch das über mich ergehen. Jetzt ist aber gut. Videorekorder aus, Fernseher aus und raus aus der Wohnung.

Am nächsten Morgen finde ich eine leere Kassette im Rekorder. Oh. Der Timer ist weg und der Rekorder gibt sich unschuldig. Also doch mal die Bedienungsanleitung lesen? Ich drücke mich davor ein paar Stunden, doch dann siegt die Neugier. Die Lösung ist schnell gefunden. Grundig hat seinem Videorekorder zwei Standby-Zustände spendiert. In einem nimmt er auch was auf, wenn er programmiert ist, in dem anderen unterlässt er das und ist einfach nur so aus. Arg! Und während die “Schalt mich aus, damit ich sinnlos Strom verbrauche”-Taste dort auf der Fernbedienung angebracht ist, wo man so eine Taste erwartet und noch dazu in rot gehalten ist, hat man die andere, richtige, gewünschte Taste zwischen all den anderen versteckt. Prima.

Eigentlich hatte ich versucht, für diesen Artikel ein paar illustrierende Bilder aufzutreiben. Aber ich hätte es wissen sollen: Die Webseite der Grundig AG ist eine reine Katastrophe in allen relvanten Punkten: Usability, Accessibility, Datenschutz. Hat man das obligatorische Flash-Intro überwunden, begrüßt einen ein dreiteiliges Frameset. Links findet man das Navigationsmenü. Eigentlich enthält es nur Text, aber warum HTML wenn es auch ein GIF mit leerem ALT-Attribut und jeder Menge JavaScript drumrum sein kann? Schließlich hat man dann Kontrolle über die Größe. Und die soll möglichst eine Kleine sein. Deswegen pixeln die Buchstaben wahrscheinlich auch so schlimm.

Ein Klick auf das “Bedienungsanleitungen”-GIF fördert eine recht interessante Eingabemaske zu Tage. Während der erklärende Text darüber von einer “komfortablen Suchfunktion” schwärmt, für die ich nur “die genaue Typenbezeichung des Geräts” bräuchte (widerspricht sich das nicht?), fordert mich das Formular darunter auf, meine persönlichen Daten zu offenbaren: Name, Anschrift, Email. Nicht weniger als sechs Felder soll ich ausfüllen. Warum? Achja, da steht es im letzten der erklärenden Absätze: “Für die Anzeige bzw. den Download der Bedienungsanleitungen benötigen wir von Ihnen noch ein paar Daten.” Achso.

Na gut. Dann denkt man sich halt irgendwelche Daten aus, um an die Leckerli zu gelangen. Denkste. Ich gab mein Bestes, aber das Beste der Grundig-Datenabzock-Maschine ist ein Hinweis auf die “detailierten Fehlermeldungen” die verfügbar sind. Aber diese Fehlermeldungen sind eher was für den Entwickler, weniger für den Nutzer. Lustig ist auch, was passiert, wenn man einfach nix eingibt. Dann vergisst die Maske nämlich wie ihre Felder heißen und setzt vor jedes Textfeld ein schnödes “null”.

So bin ich denn froh, stolzer Besitzer eines Blaupunkt Videorekorders zu sein. Obwohl sich auch der ganz einfach verbessern ließe. Wehmütig denke ich manchmal zurück an meinen alten Videorekorder aus dem Baumarkt. Hersteller: die Weltmarke Funai. Der hatte den besten Videotext-Dekoder eingebaut, den ich jeh erlebt habe. Und Dank dieses Dekoders brauchte er auch keinen EPG. Man schlug einfach nur die Seite mit dem Fernsehprogramm im Videotext auf, forderte den Rekorder per Tastendruck dazu auf, sich diese Seite näher anzusehen. Und dann konnte man einen Cursor von Sendung zu Sendung schieben und schon war alles programmiert. Die Welt könnte so einfach sein. Oh Funai, Du mein Lieblingsrekorder! Ich hab Dich immer noch lieb.

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